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Jahresbericht 1998-1999
Das Schuljahr 1998 - 1999 begann mit sechs Schülern sehr ruhig und
ausgeglichen. Bald wussten alle, wie die täglichen Pflichten zu erledigen
waren und welch grosser Wert auf Pünktlichkeit und Ordnung gelegt wurde.
Mit grossem Einsatz pflegten wir den Garten, errichteten ein Gehege für
Schafe und bastelten einen Hühnerstall. Bald wurde der Betrieb belebt mit
einer bunten Schar von Hühnern, welche uns mit Eiern reich beschenkte und
in einer abenteuerlichen Fahrt in die Berge, holten wir mit unserem Bus die
ersten zwei Schafe.
Es waren sehr schöne Schafe, doch sehr bald erwies sich unser Gehege als
undicht und so waren wir immer wieder auf der Suche nach den beiden Ausreissern,
denen Nachbars Weide besser gefiel als unser karger Boden. Zum Glück hatten
die beiden ein kleines Glöcklein umgebunden, so dass diese meistens sehr
bald gefunden wurden und zurück in ihr Gehege gebracht werden konnten.
Dennoch wird man sich unschwer vorstellen können, welche Aufregung jeweils
bei jeder neuen Suchaktion mit dabei war.
Der Spätsommer war angenehm warm und wir konnten sehr lange von unserem
Schwimmbad profitieren. Schon bald meldeten sich weitere Schüler und wir
entschieden uns, zwei zusätzliche Jugendliche aufzunehmen. Als der Herbst
nahte, boten wir einmal mehr unsere Hilfe bei der Traubenernte an. Das festliche
Essen auf dem Feld wurde zwar von einigen Schülern verpasst, da diese vorzogen,
in unserem Bus Musik zu hören, mit dem Resultat, dass nachher der Bus nicht
mehr ganz so war, wie er sein sollte und eine mühsame Reparatur zur Folge
hatte. Am Abend besichtigten wir den Weinkeller des Winzers und machten uns bald
auf an das nahe gelegene Meer, um dort noch eine Saline (Salzgewinnungsanlage) zu
besuchen. Da das Wetter eher regnerisch wurde, verzichteten wir aufs Baden und
verpflegten uns in einer nahen Pizzeria. Müde, aber doch erfüllt von
reichen Erlebnissen kehrten wir nach Hause.
Immer wieder durften wir bei uns Besucher empfangen, die sich für unser Projekt
interessierten oder die bei uns Ferien verbrachten. So kamen eines Tages auch die
Präsidentin des Fördervereins, Heidi Wäfler, sowie die Eltern und die
Schwester von Gregor Scherer, Regina, auf die Domaine de Laure in die Ferien.
Da Heidi und Regina von Beruf Krankenschwestern sind, wurde die Gelegenheit für
einen Kurs in Erste Hilfe genutzt. Bei den nachfolgenden gemeinsamen Uebungsbesprechungen
wurde das Gelernte festgehalten und die Fehler korrigiert.
Immer wieder meldeten sich neue Schüler, doch vorerst wollten wir die Gruppe
klein halten, damit die Erziehungsarbeit nicht zu kurz kam und der Kontakt zu jedem
einzelnen Schüler intensiv aufrecht erhalten blieb. Es wurde aber auch deutlich,
dass das Projekt vergrössert und verändert werden musste, da vieles den
Anforderungen nicht mehr entsprach. Eine neue Liegenschaft war in Sicht, doch vorerst
noch weit und breit keine Unterstützung, die eine Veränderung ermöglichen
würde. Dabei wurde unsere bisherige Liegenschaft liebevollst und mit grösstem
Einsatz renoviert, so dass der Gedanke, diese wieder verlassen zu müssen, nicht
nur Begeisterung auslöste. Obwohl alles noch sehr ungewiss war, wurde die
Liegenschaft dennoch zum Verkauf ausgeschrieben. Schon sehr bald meldeten sich
Interessenten und bereits im November wurde der Verkauf mit einer Unterschrift
besiegelt. Wir standen vor einer ungewissen Zukunft. Wird es uns gelingen, die
notwendigen Hilfen zu finden, um die in Aussicht stehende neue Liegenschaft erwerben
zu können? Wird es weiter gelingen, den Kaufpreis der neuen Liegenschaft etwas
zu senken? Alles war noch unklar. Im schlimmsten Fall hätten alle Schüler
nach Hause entlassen und das Projekt für gescheitert erklärt werden müssen.
Heute ist die Situation geklärt, wenn auch nicht gefestigt. Aber damals wurden
viele schlaflose Nächte verbracht, in der Sorge um die anvertrauten Schüler.
Es ist sehr schwierig, nachvollziehen zu können, wie in manchen stillen
Nächten, viele, viele Gesuche geschrieben wurden, aber wie üblich, ohne
positive Ergebnisse. Alles schien vergebens. Unter solchen Voraussetzungen war es
eigentlich absolut unverantwortlich, Kaufverhandlungen mit einer neuen, viel teureren
Liegenschaft aufzunehmen. Wir taten es dennoch! Irgendwie war ein unerschütterliches
Vertrauen da, dass die Hilfen schon kommen werden, dass die Notwendigkeit eines
solchen Projektes vielleicht doch anerkannt wird. Die Wirklichkeit jedoch sprach
vorerst eine andere Sprache. Alle Unterstützungsgesuche wurden abgelehnt. Weder
Darlehen noch Spenden waren vorhanden oder wurden versprochen. Es war auch absolut
klar, dass der Erlös aus der alten Liegenschaft, bei weitem nicht reichen
würde, die neue, in Aussicht stehende Liegenschaft zu erwerben und auch renovieren
zu können. Dennoch wurden die Kaufsverhandlungen fortgesetzt und eine
Vertragsunterzeichnung stand kurz bevor. Was sollten wir tun? In aller Eile wurde
eine weitere Liegenschaft gesucht, die eventuell so lange hätte gemietet werden
können, bis die anwesenden Schüler ihr Schuljahr beendet hatten. Im gleichen
Moment, wo eine Zwischenlösung in Sicht war, bekamen wir die ersten Zusagen von
Darlehenshilfen. Ein möglicher Kauf war doch in Reichweite gerückt. Mutig
wurde ein Kaufvertrag unterzeichnet und eine erste Anzahlung geleistet. Da das
Kaufverfahren weitere zwei Monate dauerte, hatten wir wieder etwas Zeit, um weiter
nach Hilfen Ausschau zu halten, besonders auch für die Renovationen. Die Belastung,
die in dieser Zeit durchzustehen war, ist kaum vorstellbar. Daneben war ja weiterhin
stets der Alltag mit den vielen Pflichten zu bewältigen! Obwohl die Schüler
zum grössten Teil einen bewundernswerten Einsatz leisteten, brauchten sie dennoch
ihren Lehrer und "Vater" und es war ihnen anzumerken, dass sie zeitweise
etwas zu kurz kamen. Wie vom Himmel gesandt, kam in der schwierigsten Zeit ein
äusserst tüchtiger Praktikant, ein angehender Musiklehrer zu uns, der in
begeisternder Art mit den Schülern intensiv an mehrstimmigen Liedern arbeitete.
Während dieser Zeit wurde uns von "dritter Seite" sogar eine
grössere Schenkung versprochen, die uns vom permanent vorhandenen Druck etwas
entlastete. (Leider erwies sich diese angekündigte Schenkung später als
nicht den Tatsachen entsprechend, was das Projekt erneut beinahe an den Rand des
Scheiterns brachte.)
Der Zeitpunkt des Umzuges rückte näher. Unsere Schafe wurden wieder in die
Berge gebracht, einige Hühner landeten im Suppentopf und die anderen wurden
verschenkt. Die Liegenschaft wurde aufgeräumt, vieles sorgfältig eingepackt
und am 12. März 1999 war es soweit. Mit allem Material fuhren wir nach Tautavel
auf die neue Liegenschaft, wo der ehemalige Besitzer für uns ein Haus mit vielen
Zimmern sehr liebevoll vorbereitet hatte.

Endlich auf der neuen Liegenschaft
Am nächsten Tag wurden die beiden grossen Lastwagen ausgeladen und in den kommenden
zwei Wochen die Liegenschaft notdürftig, aber doch gemütlich, eingerichtet.
Sehr bald sahen wir, was alles renoviert werden musste, wo Mängel sofort zu beheben
waren und was fehlte, um den Schul- und Internatsbetrieb so schnell wie möglich
wieder aufnehmen zu können.
 Die "Stromzentrale" |
 In der Wohnung... |
 "Gästezimmer", die zu renovieren sind |
 Die grosse Hauptküche..! |

Immer wieder musste neu improvisiert werden, damit ein Essen zubereitet werden konnte.
In einem Rundschreiben wurde um praktische Mithilfe für die Osterwochen gebeten.
Und sie kamen auch. Ueberall wurde tüchtig repariert, renoviert, die Einrichtungen
verbessert und dazwischen sehr viel gelacht. Mit der Aussicht auf eine grössere
Spende wurden die Renovationsarbeiten in der ersten Phase viel zu aufwendig und vor
allem falsch angegangen. Trotz stetiger Beteuerung, dass das Geld schon kommen werde,
mussten aus Verantwortung dem Projekt gegenüber, die aufwendigeren Arbeiten
gestoppt werden. Erneut standen wir vor einer ungewissen Zukunft und erneut wurden
wieder viele schlaflose Nächte damit zugebracht, nach Hilfen Ausschau zu halten.
Wie bereits erwähnt, eine Schenkung erhielten wir nie. Nach längeren
Verhandlungen jedoch, erhielten wir ein grösseres Darlehen, die eine Fortsetzung
der dringendsten Renovationsarbeiten ermöglichte, nun aber in einem viel
bescheideneren Rahmen und unter eigener Bauleitung.
Eine sehr grosse Hilfe kam uns zu von Marga und Reinhold, einem deutschen Ehepaar
im "Ruhestand", welches in der Nähe von Béziers wohnt.
Regelmässig kamen sie an den Wochenenden zu uns, um mitzuhelfen, die vielen
kleinen Reparatur- und Aufräumarbeiten zu erledigen. Ihnen sei an dieser
Stelle ganz herzlich gedankt.

Marga
Eine weitere grosse Hilfe bekamen wir von einer lieben Frau, die sich sehr für
unsere Umgebung einsetzte und nicht nur den Garten verschönerte, sondern auch
erste biologisch-dynamische Präparate (500 & 501) ausspritzte, um die Erde
wieder etwas zu beleben.

Elisabeth, unsere tüchtige Gärtnerin

Unser kleiner Park wurde immer schöner
Leider konnte der biologisch-dynamische Impuls nicht aufrecht erhalten bleiben,
da einerseits unsere liebe Elisabeth nach einem Monat intensiver Arbeit anderen
Verpflichtungen nachgehen musste und uns vor allem ein kleiner Traktor fehlt, um
die grossen Flächen bewältigen zu können. Dennoch wurden wir von
unserem Garten mit Früchten förmlich überschwemmt: Eine gewaltige
Menge von Aprikosen, die wir aus Zeitmangel nur zur Hälfte verarbeiten konnten.

Aprikosen in Hülle und Fülle
Ein grosser Teil wurde eingefroren, ein anderer Teil zu Marmelade verkocht, viele
wurden als Obst verzehrt und am Rest freuten sich die Wildschweine. Auch unsere
Mandelbäume trugen reichlich. Wie lecker sind unsere gebrannten Mandeln,
wieviele werden abends am Kaminfeuer gegessen und dennoch liegen noch etwa 100 kg
für eine weitere Verarbeitung bereit. Während diese Zeilen geschrieben
werden, ernten die Schüler gerade unser Kiwis. Da sind bestimmt ebenfalls
weit über 100 kg Kiwis die verzehrt oder verarbeitet werden müssen.
Der Sommer stand vor der Tür und die Temperaturen stiegen. Trotzdem wurde
weiterhin fleissig renoviert und viele Schüler haben ganz ordentlich mitgeholfen,
dass die Arbeiten zügig vorankamen. Die Tage wurden immer heisser und alle sehnten
sich nach kühlem Nass. Was lag da näher, als unser eigenes grosses
Schwimmbecken in Betrieb zu nehmen. Doch auch dieses musste erst gereinigt
(und bald renoviert) werden.
Zum Glück hatten wir das Meer in erreichbarer Nähe und unweit der
Liegenschaft befindet sich eine zauberhafte Schlucht mit besten Badegelegenheiten.
So fuhren wir öfters, nach getaner Arbeit, zu dieser Schlucht.
Da nun die weiteren Renovationsarbeiten unter eigener Leitung fortgesetzt wurden,
hatten wir uns entschlossen, dies auch mit eigenen Handwerkern zu tun. So war man
nicht mehr angewiesen auf auswärtige Unternehmer, die auf gut Glück
kamen (oder auch nicht) und zudem erst noch sehr teuer waren. Zwei tüchtige
Handwerker wurden angestellt, ein Elektriker, Heriech Fayçal und ein Maurer,
Salvador Altur.
 Salvador Altur |
 Heriech Fayçal |
Für uns war es ein ganz besonders grosses Glück, dass wir die Hilfe
von so tüchtigen Praktikantinnen und Praktikanten hatten. Sie waren in ihrem
Eifer kaum zu bremsen und nichts war ihnen zu viel. So sei mit diesem Jahresbericht
auch ihnen gedankt: Ramona, Julia, Daniel 1 (aus Polen), Timo und kurzzeitig Corinne
und Daniel 2 (aus Deutschland).

Daniel 1 in Aktion
 Ramona und ... |
 Julia, die beiden unermüdlichen Helfer |
Natürlich wurden das intensive Lernen und die vielen mühsamen Arbeiten
auch von Zeit zu Zeit unterbrochen mit interessanten Ausflügen nach Barcelona,
zum Forschungszentrum für Sonnenenergie, nach Andorra oder an das nahe gelegene
Meer mit seinen zauberhaften Küsten.

Zauberhafte Küsten in nächster Nähe

Forschungszentrum für Sonnenenergie

Basilika in Barcelona
Zum Abschluss des Jahresberichtes sei noch auf das eigentliche Anliegen des Centre
de Formation, auf die Erziehung und Bildung von Jugendlichen hingewiesen. Es war
für die ganze Schülergemeinschaft ein sehr bewegtes Jahr. Neben vielen
schönen Erlebnissen und einigen sehr grossen Fortschritten in der persönlichen
Entwicklung, gab es auch sehr viele Probleme und Turbulenzen. Auch der schulische
Erfolg war bei vielen Schülern nur sehr mässig. Hingegen waren sehr starke
soziale Elemente zu erkennen und immer wieder war eine grosse Bereitschaft da, den
Alltag aktiv mitzugestalten. Es wurde aber eindeutig festgestellt, dass nur eine
beschränkte Anzahl Schüler aufgenommen werden darf, um eine pädagogische
Effizienz gewährleisten zu können. Bei sehr kooperativem Verhalten der
Schüler ist die obere Grenze bei etwa zwölf Jugendlichen. Sobald aber
ein oder zwei Schüler dabei sind, die einen erhöhten Erziehungsaufwand
erfordern, sinkt die Aufnahmekapazität auf zehn oder sogar acht Jugendliche.
Für das Schuljahr 1999 - 2000 hatten sich bei uns bis Ende Oktober über
achtzig (!!!) Schüler gemeldet. Dem entsprechend mussten leider viele Absagen
erteilt werden. Die Erziehungsarbeit ist aber so intensiv, dass es grösster
Sorgfalt bedarf, damit die Qualität gewährt bleibt und dies bei absolut
normalen Schülern mit den üblichen "gesunden"
Pubertätsproblemen. Leider kam es noch in jedem Jahr zu mindest einer
Entlassung, weil die Hausordnung nicht eingehalten wurde. Dies ist sehr schade,
aber ohne eine klare Linie und einer konsequenten Haltung geht es nicht. Aus
diesem Grunde sind wir dazu übergegangen, das Aufnahmeverfahren noch etwas
sorgfältiger zu gestalten und vor allem, um nach besten Möglichkeiten
abzuklären, ob wirklich eine echte Bereitschaft des jungen Menschen da ist,
die ihm gebotene Chance zu ergreifen. Ohne dies geht es nicht, oder es braucht
eine sehr intensive Betreuung, mit sehr viel mehr Mitarbeitern und damit verbunden
wäre eine massive Erhöhung des Schulgeldes.
Mit dem neuen Schuljahr hat sich neben den zwei erwähnten Handwerkern auch eine
Sekretärin "Pascal Bes" zu uns gesellt.

Pascale Bes, unsere Sekretärin,
mit Jean-Louis Calvet, unserem Buchhalter
Eine ganz besonders schöner Gewinn für das Centre de Formation aber war
und ist Henner Kurth, ein Plastiker und Kunsttherapeut.

Henner, bei der Ernte unserer Oliven
Mit Beginn des neuen Schuljahres kam er zu uns und richtete unter unermüdlichem
Einsatz eine Werkstatt ein. Nach dem Kauf von einer Tonne Lehm in Spanien,
begann unter seiner Leitung der künstlerische Unterricht. Schon nach wenigen
Wochen Plastizieren, konnten an den Schülern intensive Veränderungen
wahrgenommen werden. Das Plastizieren und äussere Gestalten in Ton, bildete
zusehends innere Formkräfte bei den Schülern, die sich sehr bald im
sozialen Alltag bemerkbar machten. So konnte das neue Schuljahr mit ganz neuen
Qualitäten des Lernens und der Bildung im Allgemeinen in Angriff genommen
werden.
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